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Porsche 962

Porsche 962 „Doppelflügel“ (“Double Wing”)

Dass man mit einem in der Basis zehn Jahre alten Rennwagen immer noch erfolgreich sein kann, bewies Joest Racing 1992 und 1993. Mit einem selbstentwickelten Update-Paket für den Porsche 962, der bereits 1982 als 956 seine Rennpremiere gab, führte die Mannschaft den Sportwagen noch einmal auf die Siegerstrasse zurück. Mit der wohl schnellsten Version der Motorsport-Legende aus Stuttgart, die es je gab, gelang dem Team aus Wald-Michelbach der letzte international bedeutende Sieg des Sportprototypen, der in den achtziger Jahren auf der ganzen Welt nahezu unschlagbar war.

Begonnen hatte das Projekt “Doppelflügel” im Winter 1991/92. Nachdem in Europa in der Sportwagen-Weltmeisterschaft seit dem Beginn der neunziger Jahre Autos mit Turbomotoren zugunsten der Sauger immer weiter durch höhere Gewichte und kleinere Tanks eingebremst wurden, wechselte Joest mit den daher chancenlosen Porsche 962 1991 in die amerikanische IMSA-Meisterschaft, in der Rennwagen mit zwangsbeatmeten Motoren noch mehr Freiräume hatten. Mit dem Fahrerquintett John Winter, Frank Jelinski, Henri Pescarolo, Hurley Haywood und Bob Wollek holte die Truppe den Sieg beim 24 Stunden-Klassiker in Daytona. Doch bei den folgenden Saisonläufen zeigte sich, dass der in seiner Basis knapp zehn Jahre alte 962 der modernen Konkurrenz von Nissan und Eagle-Toyota außer der Zuverlässigkeit nicht mehr viel entgegenzusetzen hatte. Zwar kam der von Bernd Schneider und John Winter gesteuerte 962.011 regelmäßig ins Ziel, doch mehr als zwei Top Fünf-Platzierungen waren nicht drin.

Um im Folgejahr wieder konkurrenzfähiger zu sein, entschloss sich Joest nach der Saison zu einer Überarbeitung der beiden IMSA-962 des Teams. So wurde das komplette Wasserkühlsystem und Ölsystem modifiziert, doch vor allem kümmerten sich die Techniker um die Aerodynamik des 962. Dazu mietete Joest von Porsche den Windkanal in Weissach an. Unter Mithilfe von Porsche-Technikchef Norbert Singer bekam der modifizierte Rennwagen sein wohl charakteristischstes Kennzeichen, den riesigen Doppelflügel am Heck. “Dabei haben wir uns vor allem am dominierenden Fahrzeug der Sportwagen-Weltmeisterschaft 1991 orientiert, dem vom langjährigen Ferrari-Formel 1-Cheftechniker Ross Brawn entwickelten Jaguar XJR 14”, erklärt Ralf Jüttner, Technischer Direktor und einer der beiden Geschäftsführer der Joest Racing GmbH. Um den Flügel effizienter anströmen zu lassen, wurde das komplette Heckteil neu gestaltet. Es fiel, im Vergleich zum Standard-962, hinter den Rädern weit nach unten ab. In Verbindung mit dem neuen Unterboden erzeugte der überarbeitete Sportwagen erheblich mehr Abtrieb.

Wegen Verzögerungen bei der Fertigstellung der neuen Teile, sie wurden nach Problemen mit der Fertigung in Deutschland als Kompletteinheit bei einer englischen Spezialfirma aus Kohlefaser hergestellt, feierten die beiden Doppelflügel-962 erst beim dritten Rennen der IMSA-Saison 1992 ihre Premiere. In Road Atlanta belegten die Fahrerpaarungen John Winter/Oscar Larrauri und Gianpiero Moretti/Massimo Sigala auf Anhieb die Positionen vier und sechs. Und auch bei den nächsten Rennen kamen die Piloten regelmäßig unter den ersten Sechs in Ziel. Am Ende des Jahres belegten die beiden Joest-Stammfahrer Larrauri und Moretti in der Gesamtwertung die Plätze fünf und sechs.

Für 1993 verpflichtet das Team DTM-Star Manuel Reuter, der am Ende des Jahres mit Joest und Opel in die Tourenwagenserie zurückkehren sollte. Der Deutsche teilte sich ein Fahrzeug mit John Winter, während sporadisch ein weiterer 962 eingesetzt wurde. Die Saison begann traditionell mit dem 24-Stunden-Rennen von Daytona. “Wir hatten uns große Hoffnungen auf den Sieg gemacht. Leider bekamen wir Probleme mit den Motoren, da das vom Veranstalter ausgegebene Benzin durch Wasser verunreinigt war. Das haben die Triebwerke nicht vertragen”, erinnert sich Jüttner. Wie konkurrenzfähig die Joest-Eigenentwicklung unter bestimmten Bedingungen sein konnte, zeigte sich beim anschließenden 12-Stunden-Klassiker in Sebring. “Manuel Reuter ist damals ein tolles Rennen gefahren. Es hat unheimlich stark geregnet. Bei nassen Bedingungen war er zum Teil sieben Sekunden schneller als der zu dem Zeitpunkt führende Eagle-Toyota”, blickt Jüttner zurück. “Doch dann musste er zum Fahrerwechsel in die Box kommen, und Chip Robinson, der das Auto dann übernahm, ist gleich in seiner zweiten schnellen Runde in Turn 3 abgeflogen. Dabei wurde die komplette vordere Aufhängung zerstört. Eine Reparatur war nicht möglich.”

Erfolgreicher waren jedoch die nächsten Rennen. In Road Atlanta wurden die Gaststarter Bob Wollek und Ronny Meixner im 962.011 Dritte, in Watkins Glen kamen Reuter und Winter auf Position zwei. Noch besser lief es jedoch Mitte Juli in Elkhart Lake. Winter/Reuter sorgten vor John Paul Jr. sogar für einen Zweifach-Sieg der “Doppelflügel”-962. Es sollte der letzte international bedeutende Sieg in der langen Karriere des erfolgreichsten Porsche-Rennwagens aller Zeiten sein. 

Wie schnell der Doppelflügel-962 war, zeigte sich auch im Mai beim Vortest in Le Mans. Bob Wollek und Frank Jelinski fuhren sieben Sekunden schneller als im klassischen Langheck-962. Im Rennen zwei Monate später setzte Joest dennoch die bewährten Langheck-Varianten ein.

Technische Daten
Motor: 6-Zylinder-Boxermotor mit Turboaufladung, zwei obenliegende Nockenwellen

Hubraum:  2869 cm³

Leistung bei 1/min: 500 kW (680 PS) bei 8200

Getriebe: 5-Gang-Getriebe, Hinterradantrieb

Bremsen: Zweikreis-Stahlscheibenbremsen (innenbelüftet)

Radaufhängung vorn: Doppelquerlenker mit Titanfedern

Radaufhängung hinten:  Doppelquerlenker mit Titanfedern

Karosserie: Aluminium-Monocoque mit Kunststoffkarosserie

Leergewicht: ca. 850 kg

Höchstgeschwindigkeit: ca. 400 km/h